Achtsames Leben - Verbundenheit

Wenn es nicht mehr rund läuft

Zurzeit erleben wir eine für unsere Gesellschaft ungewohnte Situation: Plötzlich läuft ganz vieles nicht mehr rund. Es gibt zu wenig Microchips und Aluminium, so dass viele Produktketten ins Stocken geraten. Baustoffe fehlen oder werden plötzlich enorm teuer. Sogar das Papier wird knapp, was zur Folge hat, dass Bücher nicht nachgedruckt werden können. Ganz zu schweigen von den vielen Fachkräften, die in einzelnen Branchen fehlen. So können manche Gaststätten wegen Personalmangels nicht öffnen, viele Intensivbetten nicht in Betrieb genommen werden, Reparaturen verzögern sich auf unbestimmte Zeit, da keine Handwerker aufzutreiben sind, und IT-Technikerinnen und Lastkraftfahrer sind absolute Mangelware.

So eine Situation hat es seit dem 2. Weltkrieg in Deutschland nicht mehr gegeben und wir reiben uns verwundert die Augen. Die wechselseitige Verbundenheit aller Dinge und Wesen, die in der Spiritualität als die zentrale Erkenntnis gilt, ist eben keine nette Theorie für einzelne Wahrheitssuchende. Sie ist vielmehr ein äußerst wirkmächtiges Prinzip des Lebens, das wir überall sehen können, wenn wir unsere Augen öffnen.
 

Wie alles Leben verzahnt ist

Sind wir uns normalerweise bewusst, wie verzahnt alle Dinge sind? Meistens nicht. Das Prinzip der Verbundenheit ist für unser Leben so grundlegend wie die Schwerkraft oder die Luft zum Atmen, so dass wir es meistens ausblenden. Doch was würde passieren, wenn die Schwerkraft nur für einen kurzen Augenblick aussetzt oder uns keine Luft mehr umgibt? Und was würde passieren, wenn die wechselseitige Verbundenheit nur für einen Augenblick abhandenkommen würde und wir wirklich von allem isoliert wären? Unsere Existenz wäre dann sofort beendet, denn Leben kann nicht unabhängig existieren.

Kein Baum kann ohne Erdreich, ohne Wasser, Licht, Elemente und ohne das Zusammenspiel mit anderen Lebewesen existieren. Kein Tier ist ohne Nahrung und ohne andere Lebewesen, mit denen es komplexe Beziehungen eingeht, überlebensfähig. Und auch die Spezies Mensch kann sich trotz ihrer Intelligenz nicht aus dieser unmittelbaren Abhängigkeit herauslösen. Daher beschreibt die moderne Naturwissenschaft das Prinzip der Koexistenz und Kooperation von Geschöpfen als die zentrale Überlebensstrategie. Das alte Darwin’sche Prinzip, das Auslese durch Stärke und Kampf betont, hat an Bedeutung verloren.


Kettenreaktionen

Um sich dem Prinzip der Verbundenheit und dem Zusammenwirken der Elemente anzunähern, kann man den spielerischen Versuch unternehmen, eine längere Kettenreaktion als Versuchsanordnung aufzubauen. Man kann Stunden damit zubringen, eine simple Reihe aus Dominosteinchen aufzustellen. Wie fragil ist doch bereits eine so einfache und überschaubare Anordnung? Und wie oft klappt die erhoffte Kettenreaktion dann nicht?

Wer sich bewusst macht, wie viel Aufwand bereits einfache lineare Kettenreaktionen erfordern und wie fragil sie sind, der kann eigentlich nur staunen, wie das Leben durch äußerst komplexe und unüberschaubare Wechselwirkungen zusammengehalten wird und sich daraus immer weiter entfaltet und differenziert.


Verbundenheit – hier und jetzt

Machen wir uns einmal nur ein paar wenige Elemente bewusst, welche in diesem Augenblick in unsere Existenz hineinwirken. Da ist zunächst die Schwerkraft, ohne die wir nicht aufrecht und entspannt sitzen könnten. Unser Körper mit seiner Muskulatur und seiner Statik ist letztlich eine direkte Antwort auf die Bedingung der Schwerkraft auf diesem Planeten. Oder betrachten wir die Luft, die uns gerade mit jedem Atemzug durchströmt und am Leben hält. Mit jedem dieser Atemzüge nehmen wir nicht nur lebensnotwendigen Sauerstoff und andere Gase, sondern auch Atome von allen Lebewesen auf, die jemals existiert haben, und atmen gleichzeitig Atome von den hintersten Winkeln unseres Körpers wieder aus. Sogar Sternenstaub aus entfernten Galaxien atmen wir ein. Alle Lebewesen und sogar Sterne sind also materiell in uns anwesend. Ist das nicht erstaunlich?

Oder betrachten wir das Licht, das uns die Möglichkeit gibt, etwas zu erkennen und diesen Text gerade zu lesen. Das Aufnehmen von Licht und Text ist aber keine Einbahnstraße. Jeder Text bewirkt in jedem Menschen eigene Gefühle, Gedanken und Erinnerungen. Auf diese Weise verschränkt der Text sich mit einem Menschen und wird zu einer individuellen, lebendigen Erfahrung in der Seele dieses Menschen. Gibt es also überhaupt einen unabhängigen Text, eine unabhängige Wahrnehmung, einen unabhängigen Atemzug und eine unabhängige Welt?


Wenn die Identität verschwimmt

Wer auf diese Weise immer genauer und unmittelbarer betrachtet, wie wir auf allen Ebenen unseres Seins mit allem nicht nur verbunden, sondern eigentlich zutiefst verschränkt sind, dem wird freilich etwas schwindelig. Denn wo beginnt dann unsere Existenz, wenn wir mit allem verschränkt sind? Und wo hört sie auf? Gibt es eine objektive Wirklichkeit, wenn nichts unabhängig vom betrachtenden Subjekt existiert?


      Wie kann es da draußen ein mechanisches Universum geben, wenn sich das Universum jedes Mal verändert, wenn wir unsere Betrachtungsweise ändern?“
Fred Alan Wolf, Quantenphysiker       


Obwohl uns bei dieser Betrachtung etwas mulmig werden kann, da die Idee einer feststehenden Identität verschwimmt und die Hoffnung auf Kontrolle angesichts dieser Komplexität fast lächerlich erscheint, kann uns die Perspektive der Verbundenheit auch entlasten. Wir sind niemals isoliert, auch wenn wir uns manches Mal so fühlen. Vielmehr sind wir in jedem Augenblick unseres Lebens in das große Netz des Lebens eingewebt und leben darin für immer in allem weiter. Ist das nicht tröstlich? Wie friedlich und vertrauensvoll können wir doch werden, wenn wir diese Dimension von Verbundenheit in uns und in allem spüren?
 
 
ÜBUNG: Wie unser persönliches Leben verschränkt ist

  • Reflektiere mehrere Minuten lang über zwei Fragen:
    Wie wirkt das Leben anderer auf mich ein?
    Wie wirke ich auf das Leben anderer ein?
  • Welches Gefühl entsteht, wenn du dir die wechselseitige Verbundenheit mit anderen Lebewesen bewusst machst?
  • Dann lass innerlich ein Bild für diese Verschränkung mit anderen Lebewesen auftauchen. Worin zeigt sich in diesem Bild die Verbundenheit oder Verschränkung genau?
  • Schlüpf jetzt in das Bild hinein und erfahre dich als das Element, das die Verbundenheit verkörpert. Wie erfährst du es, dieses Element zu sein?
  • Lass dazu einen ganzkörperlichen Gestaltausdruck auftauchen und nimm ihn ein. Spür, was sich dabei innerlich, im Körper und in der Seele ausbreitet. Lass dir Zeit, zu verkosten, welche innere Qualität sich hier ausbreitet.
  • Tauche tiefer in diese Qualität hinein und spüre, wie es sich anfühlt, wenn sie sich in deiner Ganzheit ausbreitet.
  • Frage dich zum Schluss: Wie lebe ich, wenn ich mit dieser seelischen Qualität in Kontakt bin? Wie fühle und verhalte ich mich dann im Alltag? Wie gehe ich mit Schwierigkeiten um? Wie bin ich dann in Beziehungen?